Monthly Archive for October, 2008

Zu Besuch bei Stadtteil-Frauengruppen in Sokodé

Am letzten Sonntag war ich zu Besuch bei zwei Stadtteil-Frauengruppen. Zum einen betreiben die ganz praktische gegenseitige Hilfe in unterschiedlichen Alltagsbelangen – dazu gehoert auch, sich bei bedeutenden Anlaessen/Feiern, wie Kindstaufen, Hochzeiten oder Beerdigungen gegenseitig zu supporten. Abgesehen davon geht es aber auch ganz viel um Verbesserungen prekaerer materieller Lebensverhaeltnisse. Zum Beispiel:

Viele der Frauen, mit denen ich geredet habe, verkaufen Waren auf dem Markt und tragen damit entscheidend zum Einkommen der Familien bei. Viele Maenner zahlen waehrenddessen kaum Geld fuer gemeinsame Belange ein, was es fuer die Marktfrauen wiederum schwieriger macht, Ruecklagen fuer eine stabile Existenzsicherung zu bilden. Gleichzeitig wurde mangelndes Finanz-Knowhow als Problem benannt, wegen dem viele Frauen mit ihrem Geschaeft scheitern- woran die besagten Frauengruppen durch die Organisierung von Kursen was aendern wollen. Insgesamt haben sich die Bedingungen, unter denen insbesondere viele der Frauen das Ueberleben von sich und ihren Familien bestreiten, in den letzten Jahren teilweise krass verschaerft. Unter anderem durch den heftigen Anstieg der Preise fuer Grundnahrungsmittel, wie u.a. Mais, sowie fuer Sprit und Brennstoffe ist ausreichende Ernaeherung in vielen Familien mittlerweile ein Luxus (obwohl Togo gewiss nicht dem entspricht, was in Europa so die landlaeufigen Klischee-Vorstellungen von « Hungersnot in Afrika » sind). Womit wir wiederum, was gewiss keine allzu neue Erkenntnis ist, bei den zerstoererischen Auswirkungen des kapitalistischen Weltmarktes insbesondere im globalen Sueden waeren, die untrennbar zusammenspielen mit ganz speziellen lokalen und familiaeren Macht- und Verteilungskonstellationen…

Ein weiterer Punkt der von den Frauen betont wurde: Gerade der materielle Mangel zwingt viele Kinder und Jugendliche, die Schule abzubrechen. Und ist ein wesentlicher Grund fuer –oftmals brutal erzwungene- Migration junger Menschen insbesondere in andere Westafrikanische Laender, wie Nigeria und Gabun.

Neue Bilder und Eindrucksschnippsel aus Sokodé

Nach einer zeitweiligen Blogabstinenz (nicht zuletzt bedingt durch so manches an Arbeit in der Schule) meldet sich Teacherboy zurueck aus Sokodé, diesmal wieder mit ein paar Bildern:

Hier bin ich mit ein paar Leuten von der Korodowou-Family vor ein paar Wochen beim Fest zum Abschluss des Ramadan. Die Klamotten, die ich hier anhabe, hat Raouf, mein Freund und Mitbewohner (der Typ neben mir), hier fuer mich machen lassen. Die alte Dame neben uns ist Asia, die Grossmutter des Hauses und gewissermassen zentrale Respektsperson in der Familie. Von den drei Jungs daneben weiss ich zugegebenermassen die Namen grade nicht.

Das hier sind die Jugendlichen von der Theater-und Tanzgruppe von “Ecole pour Tous”, einer Initiative, zu der ich kuerzlich einen laengeren Blogartikel geschrieben habe. Die Kids machen u.a. Aufklaerungsprogramme gegen Kinderhandel, fuer das Recht auf Schule insbesondere von Maedchen und fuer Aidspraevention. Massgeblich gesponsort werden die Aktivitaeten der Gruppe von der NGO “Plan Togo”. Dieses Bild stammt von einem Frauen- und Maedchen-Fussballturnier in Sokodé, bei dem die Gruppe das Rahmenprogramm mitgestaltet hat.

Das hier sind die Ladies von einer der Frauen- und Maedchen-Fussballteams, die hier vor ein paar Wochen ein Turnier veranstaltet haben. Fussball is’ ueberhaupt ein wichtiges Ding hier in Sokodé wie ueberhaupt in Westafrika, und wie ueberall in der (Fussball-)Welt sind sonst meistens die Jungs die grossen Stars. Dennoch: Einige Frauenteams hier, und das sind gar nicht so wenige, geben durchaus gut Gas. Das besagte Turnier war ein NGO-gesponsortes Publicity-Event fuer die Gleichstellung und Emanzipation von Frauen und Maedchen. Cool und wichtig auf jeden Fall mal, dass sowas laeuft. Etwas befremdlich allerdings, dass die Vorzeige-Lokal-Promis, die bei diesem Event grosse Reden ueber Frauenemanzipation geschwungen haben und die Turnierpreise an die Ladies verteilt haben, fast ausnahmslos maennliche Mitmenschen waren.

Was ich auf jeden Fall echt spannend und wichtig hier finde: Es gibt echt viele vor allem junge fitte und aktive Leute hier, die sich in allerlei lokalen Initiativen und NGOs fuer eine Verbesserung der alltaeglichen Lebensverhaeltnisse engagieren. Ein ganz grosses Thema ist dabei auf jeden Fall die Aidsaufklaerung, und das scheint mir auch eine der Geschichten zu sein, fuer die zahlungskraeftige internationale Geldgeber – NGOs, Institutionen der Entwicklungshilfe etc. – am ehesten Kohle locker machen. Aber, wie gesagt, nicht nur hierzu passiert was.

Die Rache der Natur an der Festung Europa

So wie es aussieht hat der starke Regen in Mellia Europas Grenzen einwenig geöffnet… schaut euch das mal an…

Viva la Lluvia! Zaun in Melillia zerstört?

Anscheinend haben schwere Unwetter den Grenzzaun in Melillia zerstört, zumindest sieht es auf dem Video von melillafronterasur.blogspot.com so aus:

[youtube xpBP9P_TX6I]

“Die Welt braucht aber Rechtssicherheit”

Habe heute mal wieder die Süddeutsche gelesen, tue das ehrlich gesagt nicht so oft weil ich dann immer wütend werde. So auch dieses mal. Die Bundesrepublik soll wegen Massaker während der NS – Zeeit in Italien verklagt werden. Ich persöhnlich finde das hervorragen und extrem angebracht, das Ausswärtige Amt hingegen findet das ist inakzeptabel. Die deutsche und italienschieche Regieren jammern und haben Angst vor “Kettenreaktionen” und “Klagelawinen … von Hiroshima bis zu den Punischen Kriegen”. Ok, die NS – Zeit, Hiroshima, die Kolonial Zeit waren Massaker und damit böse. Ich find es sehr unangepasst, den Versuch der Betroffenen, berechtigte Entschädigung für das ihnen wiederfahrene Unrecht zu erhalten, als “Klagelawine” und “Kettenreaktion” fürchted.
“Wenn die Gerichte von Fall zu fall entscheiden, ob einem Staat Immunität zukommt, wird das Prinzip der Staatsimmunität unberechenbar. Die Welt braucht aber Rechtssicherheit.” sagt Italiens Außenminister Franco Frattini zur Süddeutschen Zeitung. Gehts noch? Die Welt braucht, glaube ich, andere, wesentlich wichtigere Sicherheiteiten und Rechte als sie Saatsimmunität. Wie wäre es den zum Beispiel mal mit Rechtssicherheit in Thema Grund – und Menschenrechte? Diese Rechte werden jeden Tag mehrfach von Staaten verletzt, auch von den Europäischen,. Das sieht man vor allem in den Asylpolitiken der Europäischen Länder. Aber ist schon klar, was die Welt eindeutig braucht ist die Sicherung der Staatsimmunität.

Aktion EU Außengrenzen in Chemnitz

„Festung Europa – die Mauer muss weg –

Stoppt das Sterben an den EU Außengrenzen“

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gruppe „Leben ohne Angst – Jugendliche ohne Grenzen Sachsen“ und der Sächsische Flüchtlingsrat e.V. haben im Rahmen der Friedensmeile zum Welt-friedenstag in Chemnitz sowie zur Eröffnung der interkulturellen Woche in Döbeln eine Aktion zur Situation an den Außengrenzen Europas mit Unterschriften-sammlung gestartet. An hand eines kurzen Straßentheaters wurde gezeigt wie Flüchtlinge in kleinen Booten an Europas Außengrenzen ankommen und wie viele durch die Abwehrpolitik Europas dabei sterben. Danach wurde die „Mauer“ Europas durch die Jugendlichen symbolisch durchbrochen. Nach einer Rede von Rola wurden die Anwesenden aufgefordert sich an der Unterschriftenaktion mit der Forderung von Pro Asyl „Stoppt das Sterben an den EU Außengrenzen“ zu beteiligen.

Rede zur Aktion  „ Festung Europa – die Mauer muss weg – Stoppt das Sterben an den EU Außengrenzen“ von Rola Saleh (Mitglied der Jugendinitiative „Leben ohne Angst – Jugendliche ohne Grenzen Sachsen)

Europas Grenzen fallen, die Freizügigkeit und Offenheit nimmt zu – allerdings nur innerhalb der Staatengemeinschaft. Am äußeren Rand dagegen werden neue Barrieren aufgebaut und mit modernster  Technik verstärkt. Abgeschottet und unerreichbar wie eine Festung zeigt sich Europa vor allem jenen Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen: vor Krieg, Hunger, Unterdrückung und Umwelt-katastrophen.

 

Sie machen sich auf dem Weg Illusionen. Aber Flüchtlinge schaffen immer seltener den Weg bis zu uns – und wenn, dann meist auf irregulären und zunehmend auch auf lebensgefährlichen Routen. Die von der Europäischen Union 2005 geschaffene Grenzschutzagentur Frontex (Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen) mit Sitz in Warschau, spielt bei der Abschottung Europas eine zentrale Rolle. Ihre Aufgabe ist der „Schutz der Außengrenzen“ und die „Abwehr der illegalen Migranten“. Sie hat einen weitgehenden autonomen Status und unterliegt so, wenig rechtlichen Bindungen und kaum einer parlamentarischen Kontrolle. Frontex soll die Mitgliedstaaten der EU bei der Grenzsicherung so wie bei der Abschiebung von nicht „Aufenthaltsberechtigten Ausländern“ unterstützen. Und „neue Modelle“ für den Schutz der Außengrenzen entwickeln.

Wir Jugendlichen ohne Grenzen fordern zusammen mit Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten weltweit: das Recht auf globale Bewegungsfreiheit ein. Jeder Mensch hat das Recht, sein Land zu verlassen. So steht es in Artikel 13 der allgemeinen Erklärungen der Menschenrechte der vereinten Nationen.

Dieses Recht muss jedoch unteilbar sein. Es kann nicht angehen, dass Europäer ihr Recht auf Reisefreiheit ohne Einschränkungen wahrnehmen und die Möglichkeit jederzeit fast alle Orte dieser Welt aufzusuchen, in Anspruch nehmen können, während Flüchtlinge und Migranten massiv und mit militärischen Mitteln daran gehindert werden, abenteuerliche und oftmals lebensgefährliche Wege einschlagen. Das Recht auf uneingeschränkte Bewegungsfreiheit war und ist immer noch unter anderem eine Kernforderung der Jugendlichen ohne Grenzen. Aus diesem Grund wollen wir unseren Protest gegen die herrschende Migrationspolitik laut werden lassen.

Grundsätzlicher ist jedoch die Frage zu stellen, warum sich ein Gebilde wie Europa überhaupt von den Menschen im Rest der Welt abschotten darf!

 

Ein paar Bilder aus Sokodé und Lomé

Halloechen allerseits,

hier nun endlich mal ‘ne kleine, leider noch recht willkuerliche und schlecht sortierte, Auswahl von ‘nen paar Bildern von hier aus Togo. Ich erstelle demnaechst ‘ne reichhaltigere Auswahl:

Strassenzug im Stadtteil Didaouré in Sokodé, mit Moschee:

Meine beiden Kumpels Raouf (der wohnt zur Zeit mit mir im Haus) und Marzouk:

Ich mit den Leuten vom Foerderverein der “la Concorde”-Schule an der Uni in Lomé. Die meisten sind StudentInnen in Lomé, viele davon ehemalige “Concorde”-SchuelerInnen:

Blick in die Landschaft von ‘ner Anhoehe bei Malfakassa:

Blick vom Dach unseres Hauses in Sokodé:

Schule hat angefangen

Halloechen mal wieder von Teacherboy. Nun, jetzt hat mich der Arbeitsalltag hier eingeholt. Am Montag war erster Schultag, allerdings musste ich die letzten Tage noch nicht wirklich viel tun, meine erste richtige Deutsch-Unterrichtsstunde hatte ich heute im “Lycée Moderne”, im “Collège de la Concorde” (dort muss ich auch Englisch unterrichten) faengt der Unterricht erst kommenden Montag wirklich an, da die Kids die erste Woche ueber noch damit beschaeftigt waren, die Klassenzimmer zu putzen und in einen unterrichtstauglichen Zustand zu bringen.

Ich hab’ auf jeden Fall Glueck, dass in meiner Klasse am Lcée “nur” gut 30 SchuelerInnen sind, Klassen mit ueber 70 Leuten sind ansonsten hier durchaus normal.

War auf jeden Fall ein gelungener Start, ich hab’ vor allem kommunikative Einstiegsuebungen (“Wie heisst du?”, “Wo wohnst du?” usw.) und anhand davon erste Grammatik-Regeln gemacht. Und die SchuelerInnen haben begeistert mitgemacht und trotz der grossen Anzahl an Leuten war’s ueberhaupt nicht unruhig. Insgesamt herrscht ‘ne schaerfere Disziplin als ich’s von deutschen Schulen gewohnt bin, was mir schon manchmal strange einfaehrt. Und die SchuelerInnen muessen Schuluniformen tragen, was u.a. damit begruendet wird, dass auf diese Weise soziale Status-Unterschiede weniger sichtbar seien.

Read from me soon.

“École pour tous” – aktiv für das Recht auf Schulbildung und gegen Ausschluss von Mädchen und Kinderhandel

Ich hab’ in den letzten Tagen Leute von der Initiative “école pour tous (Schule für alle)” kennengelernt – diese Leute machen echt ‘ne coole Arbeit hier in der Gegend. Wie der Name besagt, ist ein Hauptanliegen, dass alle Kids – gerade auch Mädchen – ‘ne Schulbildung kriegen. Ein Teil der Arbeit besteht darin, für Familien, die sich das Schulgeld nicht leisten können (das zwingt ansonsten viele Kids aus Familien, die kein Geld haben, die Schule abzubrechen), die Kosten aufzubringen. Mit Sensibilisierungskampagnen, gerade auch auf den Dörfern, appelliert die Initiative an die Familien, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Gerade viele Mädchen sind damit konfrontiert, dass ihre Schulbildung nicht als wichtig angesehen wird. Sie werden stattdessen für allerlei Arbeiten zu Hause herangezogen oder müssen auf dem Markt bzw. auf der Straße Sachen verkaufen und Geld ranschaffen. Abgesehen davon wird von vielen Leuten die wesentliche Bestimmung von Mädchen darin gesehen, möglichst bald zu Heiraten und für Mann und Familie zu rödeln. Für nicht wenige Mädchen scheitert die Schule daran, dass sie mit 14 oder 15 (zwangs)verheiratet werden. Gegen solche Zustände treten die Leute von “école pour tous” ein für das Recht von Mädchen auf Schulbildung und Schulabschluss. Ein anderer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Kampf gegen Kinderhandel. Denn hier in Togo – gerade auch in der Region Sokodé – kommt es öfters vor, dass Leute ihre Kinder an Drecksschweine von Kinderhändlern (sog. “Ouagas”) verkaufen, die die Kids in andere westafrikanische Länder, zum Beispiel nach Nigeria oder Gabun, verschleppen. Dort werden sie als billige ArbeitssklavInnen u.a. in der Feldarbeit oder in privaten Haushalten ausgebeutet. Mädchen werden oft auch zu Prostitution gezwungen. Misshandlung und Gewalt gegen die verschleppten Kinder ist an der Tagesordnung. Den zumeist armen Familien werden irreale Versprechungen gemacht, ihr Kind würde im Ausland vorzügliches Geld verdienen. Um dem Kinderhandel entgegenzuwirken, fahren die “école pour tous”-Leute zu Aufklärungskampagnen in der ganzen Gegend herum. Dabei arbeiten sie ganz viel mit Theater, Tanz und Musik. Ich hatte gestern die vorzügliche Gelegenheit, bei einer Probe-Session für einen Sketch gegen Kinderhandel dabei zu sein, der nächsten Samstag bei ‘ner Veranstaltung vorgeführt werden soll. Die Theater-Combo sind ungefähr 15 – 20 Kinder und Jugendliche, die meisten Mädchen. Ich war schwer beeindruckt, die haben’s echt drauf! War auch lustig, zum Ausklang der Probe mit denen gemeinsam abzudancen.

Leider sind die Mittel, die die Initiative zur Verfügung hat, sehr begrenzt: Für Fahrten zu Kampagnen auf den Dörfern müssen sich die Leute ein “Taxi Moto (Motorradtaxi)” schnappen, Arbeiten am Computer müssen mangels eigener Geräte im Internet-Café erledigt werden und das Geld für diese Sachen ist stets knapp.

Was echt cool ist: Die “école pour tous”- Leute haben echt Bock, mit uns gemeinsam Abschiebungen und die Situation der Abgeschobenen in Togo zum Thema zu machen. Sie wollen dafür eine extra Veranstaltung mit Liedern, Gedichten und Sketchen vorbereiten. Der Freund, der mit mir gemeinsam hier im Haus wohnt, hat dafür schon ein paar Textideen vorbereitet. Yeah, things get movin’!

Stories of Migration and Deportation und ein unverhofftes Wiedersehen

Viel Zeit habe ich die letzten Tage damit verbracht, mich mit Bekannten hier in Sokodé darüber zu unterhalten, was Migration für die Leute hier bedeutet. Wie letztens schon mal angedeutet, ist die Unterstützung durch Angehörige im Ausland für ganz viele hier eine wesentliche Ressource, um über die Runden zu kommen. Es ist selbstverständlich, dass Leute, die weggehen, ihren Familien regelmäßig Geld schicken; einige MigrantInnen bauen auch Häuser in Sokodé, die von Angehörigen mitgenutzt werden. Viele Möglichkeiten, hier vor Ort Geld zu verdienen, gibt’s offenbar nicht. Ganz viel von dem, was das Leben von Familien hier sichert, wird von den Frauen geleistet: Landwirtschaft für den Eigenbedarf – das machen viele hier, obwohl, wir in der Stadt sind -, Kleinhandel auf dem Markt oder an der Straße, Holz schneiden im Wald und so gut wie alle Arbeit im Haus. Bei vielen Sachen müssen auch die Kinder, vor allem Mädchen, ranklotzen. Von den jungen Männern in Sokodé machen viele in Motorradttaxi. Einige Leute haben auch kleine Geschaefte und Handwerksbetriebe (Friseurlaeden, Schneidereien, Schreinereien, Werkstaetten…). Reich wird mensch von den allerwenigsten Sachen hier. Ohne die Rueckueberweisungen durch die MigrantInnen würde es vielen hier und der Stadt insgesamt mit Sicherheit noch deutlich schlechter gehen.

Nicht nur in Europa haben viele Leute den einen oder die andere von ihren Angehörigen, es gibt anscheinend auch ‘ne beträchtliche Migration von TogoerInnen in andere afrikanische Staaten, wo sich leichter Jobs finden lassen. Nach der Erzählung von einem Bekannten gehen zum Beispiel viele Leute nach Gabun (grenzt südlich an Kamerun), wo vor allem togoische Frauen als Hausangestellte bei betuchten Familien arbeiten. Selektive Migrationspolitik und Entrechtung durch Illegalisierung sind anscheinend auch dort nicht unbekannt: Eine Aufenthaltserlaubnis gibt’s nur gegen Geld, wer von den Bullen ohne gültige Papiere aufgegriffen wird, kann sich entweder freikaufen oder wird in den Knast gesteckt.

Ein unverhofftes Wiedersehen hatte ich mit einer Familie, mit der ich 2002 in München recht viel zu tun hatte. Die Leute wurden damals durch die Ausländerbehörde Dachau massiv mit Abschiebung bedroht und hatten keine andere Wahl als wegzugehen. Sie strandeten schließlich in Dänemark, von wo sie drei Jahre später nach Togo abgeschoben wurden. Ihre Situation hier in Sokodé ist echt mies. Richtig erschrocken bin ich darüber, dass sie alle, im Vergleich dazu, wie ich sie von München her kannte, richtig dünn geworden sind – aber sowas geht europäischen AbschiebebürokratInnen ja bekanntlich am Arsch vorbei. Trotz alledem war’s auch ein nettes und herzliches Wiedersehen und für die Kids der Familie (zwei kannte ich noch von damals, als sie noch richtig klein waren) und deren FreundInnen waren ich und meine Digitalkamera ‘ne willkommene Attraktion.

Bekannte von mir und ich haben den Plan gefasst, dass wir die Leute hier, die abgeschoben wurden und wieder hier sind – und das sind gar nicht wenige – zusammenbringen wollen. Wir wollen uns, wenn die Leute dran interessiert sind, drüber unterhalten, wie wir die Situation der Abgeschobenen politisch thematisieren können und welche Art der Unterstützung, sowohl von hier als auch von Europa aus, erwünscht und möglich ist. Sehr inspirierend für derartige Überlegungen finde ich, was bereits seit 1996 in Mali läuft: Dort haben sich Leute, die aus Frankreich abgeschoben wurden, in der “Association Malienne des Expulsés (A.M.E.)” organisiert. Sie leisten praktische Unterstützung füreinander und kämpfen für ihr Recht auf Migration und grenzenlose Bewegungsfreiheit und gegen die Abschiebekollaboration zwischen der französischen und der malischen Regierung (siehe: www.expulsesmaliens.org). Ein Freund und ich haben uns das heute im Internet ein bisschen angeschaut – mal sehen, was sich hier in Togo so machen lässt. Verdammt aufpassen müssen wir wohl oder übel, dass wir nicht Hoffnungen und Erwartungen wecken, die wir nicht erfüllen können – denn wir haben’s leider nicht in der Hand, die Abschiebungen rückgängig zu machen.